Gruppenreise zum Jahreswechsel

– 2008 / 2009 –

 

Dienstag, 30. Dezember 2008

Früh aufstehen ist angesagt, denn ‘ab 9 Uhr’ hat sich der Klempner angesagt, um sich einen tropfenden Wasserhahn in der Küche und einen nicht mehr zu öffnenden im Heizungsraum vorzunehmen. In Irland hätte diese Ansage ‘gegen Mittag’ bedeutet, doch in Nordfriesland gehen die Uhren anders. Der gute Mann erscheint bereits zehn nach neun, ersetzt den einen Hahn und bestellt einen neuen für den Heizungsraum.

Maureen, die Whiskey-Expertin, © 2008 Juergen KullmannDie nächsten Handwerker haben sich ‘ab 17 Uhr’ angekündigt, und so fahren wir – von einer Hexe angeschossen fällt es mir immer noch schwer ins Auto zu gelangen – nach St. Peter-Ording und wandern bei strahlendem Sonnenschein über die Sandbank zum Meer hinaus. Die Sonne tut dem Rücken gut, auch wenn uns auf dem Rückweg ein kalter Wind aus Sibirien um die Nasen weht. Heute vor dreißig Jahren hatte ein solcher Ostwind Schleswig-Holstein die größte Schneekatastrophe seit Menschengedenken beschert, die 24-seitige Sonderbeilage der Husumer Nachrichten, die neben mir liegt, erinnert daran. Wie es damals wohl um uns Huus herum ausgesehen hat? Vielleicht erzählt uns Nis Puk etwas, wenn wir ihm, wie in der Fachliteratur empfohlen, eine Schale Buchweizengrütze mit Butterflocken auf die Empore vor dem Spitzboden stellen. Doch da meldet sich von den Gruppenreisenden unser Schaf Maureen zu Wort und rümpft ihre schäfische Nase: “Was denn das für eine Fachliteratur sein soll”, will sie wissen, ein Fläschchen Köm würde einen Puk viel gesprächiger machen.

Zurück zum Ostwind. Das Einzige, was er hier und heute zustande bringt, ist Frost und etwas Raureif auf den Salzwiesen und der Seebrücke. Wir haben Hunger. Aus der neuen Niederlassung von Herrn Gosch aus Sylt, der ein gebürtiger Tönninger ist, ertönt laute Ram-tam-tam-Musik. Also wandern wir weiter in den Ort und speisen in einem italienischen Ristorante: für den Signor ein Steak mit einer roten Oliven-Kapern-Sauce zu wunderbaren, in einer Rosmarin-Marinade gebackenen Kartoffelspalten und für die Signora Scholle. Das erste ausgesprochen lecker, die Scholle leider totgebraten. Vielleicht hätte man sie vorab auf andere Weise umbringen sollen.

Nach der Rückkehr nach Tönning schafft es mien Deern, der etwas hilflos wirkenden Dame im Tourist Office eine im Winter kostenlose Gästekarte für uns und die beiden, am zweiten Januar erwarteten Mädels abzuluchsen, auf dass wir mit unserem Besuch billiger ins Multimar Wattforum kommen.

*  *  *

Am frühen Abend tauchen die nächsten beiden Handwerker auf. Zunächst der Maler, “süße 30 Jahre alt”, schätzt mien Deern, und ein Hüne von Mensch, der sich so begeistert von uns Huus zeigt, dass er postwendend den Auftrag erhält, sobald die klimatischen Bedingungen es zulassen alle Fenster zu streichen. Während er seinen Kaffee trinkt, schneit unser Tischler aus Vollerwiek herein und wird für einen ihm genehmen Zeitpunkt ‘noch vor Ostern’ mit dem Auftrag für einen neuen Zaun und ein neues Eingangstor zum Garten bedacht.

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Mittwoch, 31. Dezember 2008

Ein Neujahrsgruß in den Süden

Moin ihr Zwei — Es ist jetzt 16 Uhr und Sylvesternachmittag. Bei uns in Tönning ist noch alles ruhig und der Kartoffelsalat für heute Abend steht bereit. Diese ruhigen Stunden will ich nutzen, um noch ein paar Neujahrsgrüße auf die Reise zu schicken. Für ‘Frohe Weihnachten’ ist es ja schon etwas zu spät.

Wir sind seit dem 23sten in uns Huus. Eigentlich wollten wir hier nur ein paar ruhige Tage verbringen, doch manch einer war überfrachtet mit Werkeln im Haus und diversen Erledigungen. Wieder einmal haben wir ausgiebig die Sortimente der Husumer Baumärkte in Augenschein genommen, ein Regal gekauft und gleich am nächsten Tag wieder umgetauscht. Wir hatten uns vermessen!

In den Arbeitspausen sind wir dann aber doch zu ein paar ausgedehnten Spaziergängen gekommen. Das Wetter ist winterlich kalt und trocken. Übermorgen erwarten wir eine Nichte von Jürgen, die jüngste Tochter seiner jüngsten, allzu jung verstorbenen Schwester. Sie bringt eine Freundin mit und kommt mit dem Zug aus Dortmund, wo ihr Vater sie in den Intercity nach Husum setzt. So werden wir dann mit den beiden 13-jährigen drei Tage lang etwas unternehmen müssen. Ich bin gespannt, wie wir ohne Erfahrung mit eigenen Kindern mit den jungen Damen klarkommen. Zumindest werden wir auf diese Weise von weiteren Hausaktivitäten abgehalten.

Soweit mein Kurzbericht von den Geschehnissen der letzten Tage. Ich hoffe, auch ihr hattet ein schönes, friedliches und frohes Weihnachtsfest. Wir hatten uns im Herbst sehr über euren Besuch in uns Huus gefreut. Viel Glück, Gesundheit und alles, was man sonst noch Gutes wünschen kann, senden euch zu diesem Jahreswechsel

Hildegard und Jürgen”

Der Chronist fährt fort

Ein paar weitere Erinnerungen an diesen Tag: Am Vormittag der letzte Einkauf des Jahres im Sky Markt, darunter Süßigkeiten für die Rummelpotter. Die kommen dann auch am Abend, doch in diesem Jahr ist es nur 1 Trupp, der nach Einbruch der Dunkelheit an die Tür klingelt. Das Sylvestermenü: Kartoffelsalat zu Gehacktesbällchen à la Jürgen, d.h. mit eingearbeitetem Ziegenfeta.

Maureen, das Whiskey-Schaf, © 2008 Juergen KullmannZum Sylvesterfeuerwerk und nachbarschaftlichen Umtrunk geht es in die Süderstraße, wo ein Tönninger Urgestein das übriggebliebene Raketen- und Böllerarsenal eines ihm bekannten Ladenbesitzers entsorgt. Doch sein größter Stolz ist eine von ihm selbst konstruierte Kartoffelkanone, mit der die Nordfriesen, so erzählt er, die Dithmarscher in die Flucht zu schlagen pflegen, wenn sie versuchen ihnen die heiratsfähigen Mädchen zu klauen*. In das anderthalb Meter lange Konstrukt aus Abflussrohren wird nach guter alter Vorderladertechnik eine rohe Kartoffel geschoben, mit einem Stab hinuntergedrückt und in die Brennkammer Deospray gesprüht. Dann wird elektrisch gezündet, und mit einem lauten Krachen schießt die Kartoffel aus dem Rohr und atomisiert sich an der Hauswand auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

Der nachbarschaftliche Sekt-Umtrunk auf der Süderstraße – ich hole zwei Flaschen Nachschub aus unserem Gästevorrat – setzt sich fort in der Küche des Kanonen-Konstrukteurs, der bei dieser Gelegenheit sein Lager an Aalborg-Spezialitäten plündert. Am Vormittag wird der eine oder andere, der nun um den riesigen Esstisch sitzt, einen ‘etwas mitgenommenen Eindruck’ machen.

* Wobei er unerwähnt ließ, dass die Tönninger 1402 ihrerseits sieben Dithmarschen Jungfrauen raubten und in ihre Kirche einsperrten.

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Donnerstag, 1. Januar 2009

Mit einem strahlendblauen Himmel begrüßt uns der erste Morgen des Jahres 2009. Die Luft ist frostklar, der Boden gefroren, doch allzu tief unter Null dürften die Temperaturen nicht liegen, als wir gegen 11 Uhr im Katinger Vorland über den Deich zum Eidersperrwerk wandern.

Die Sonne scheint im flachen Winkel über die Eider, und ihr alter Mündungsbereich glitzert im Gegenlicht wie die Eiswüsten in arktischen Gefilden, die in diesen Tagen in den Programmen des NDR-Fernsehens gezeigt werden. Weit draußen an der Wasserkante stimmen die Vögel ein melodisches Neujahrskonzert an – kein Geschnatter, also werden es wohl keine Enten sein, spekuliert der Chronist.

Katinger Watt, © 2010 Juergen Kullmann

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Freitag, 2. Januar 2009

Mag sein, dass das Meer heute grau ist, Husum ist es an diesem strahlend blauen Sonnentag jedenfalls nicht. Die Leefste hat sich eine feine warme Jacke gekauft, bis zur Ankunft der beiden jungen Damen aus dem Ruhrgebiet dauert es noch eine Weile, und so sitzen wir am Binnenhafen vor einem Restaurant mit italienischem Einschlag und trinken in der warmen Wintersonne jeder einen Cappuccino.

Husum, © 2012 Juergen KullmannDann geht es zum Bahnhof. Der Intercity ist fast pünktlich und trifft mit nur fünf Minuten Verspätung um 15.23 Uhr in Husum bzw. Hüsem* ein. Die zwei Deerns sind noch ganz aufgedreht; in ihrem bisherigen Dasein von den Eltern per Auto überall hingekarrt, war es für sie die erste Bahnfahrt ihres jungen Lebens. Der Schaffner sei mehrfach vorbeigekommen, erzählen sie, und habe gefragt, “wie es den jungen Damen gehe”, und sie in Heide darauf hingewiesen, dass sie beim nächsten Stopp aussteigen müssen. Wir wandern über den Binnenhafen zum Auto, fahren erst einmal ins Huus und zeigen Ihnen die Zimmer. Für Nathalie hatten wir ‘Captain’s Daughter’ vorgesehen, doch sie möchte lieber zu ihrer Schulfreundin in die ‘Crew’. Dann machen wir einen Spaziergang durchs weihnachtlich geschmückte Tönning, über das sich bereits die Dunkelheit gelegt hat, ehe gemeinsam geschnibbelt, gekocht und zu Abend gegessen wird.

Und was möchten die jungen Damen nun gerne, was macht zwei 13- und 14-jährigen Teenies von heute Spaß? Wir haben ein paar DVDs mitgebracht. Nöö, die jungen Damen wollen lieber Mensch-ärgere-dich-nicht spielen.

* Zwischen Husum und Westerland sind die Bahnstationen auf Deutsch und Friesisch beschildert.

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Sonnabend, 3. Januar 2009

Hauptveranstaltungspunkt des Tages ist der Besuch des Multimar-Wattforums, wenn man spät und lange frühstückt, ein mehr oder weniger tagfüllendes Programm. Über die Ausstellung geschrieben haben schon genug andere, und den beiden Mädels gefällts. Bezüglich der Gestaltung des Abendprogramms entscheidet man sich für Chocolat, ein in der Tat ‘süßer’ Film, der gut zu Weihnachten passt.

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Sonntag, 4. Januar 2009

Die drei Damen fahren in die Dünentherme nach St. Peter-Ording, der Chronist bleibt mit einer Erkältung argumentierend daheim.

Teufel am Roten Haubarg, © 2007 Juergen KullmannAm Nachmittag geht es nach Witzwort zum Roten Haubarg, der immer noch weiß ist. Nicht nur draußen, auch unter seinem gewaltigen Reetdach fühlt es kühl und feucht an. Da hat der Teufel vor der Tür wohl nicht richtig eingeheizt. Die beiden Mädel geben sich alle Mühe freundlich-interessiert aus der Wäsche zu schauen, doch weitere Museen ersparen wir ihnen. Der angedachte Besuch in der historischen Landhökerei Tetenbüll wird gestrichen! Es ist ja auch schon bald sechs Uhr, dann öffnet das Büffet beim Chinesen über dem Edeka am Markt. Nathalies Freundin Julia kann sogar mit Stäbchen essen! Wieder daheim, spielen wir zu Viert ein paar Runden Halma.

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Montag, 5. Januar 2009

Ehe es morgen wieder ins Ruhrgebiet geht, wollen die drei Damen noch einmal richtig Shoppen. Husum ist das Ziel, was denn sonst.

Storm-Haus Husum, © 1997 Juergen KullmannBeim Gang durch die Wasserreihe würde ich den Trupp gerne ins Haus Nr. 31 lotsen, dem ehemaligen Wohnhaus von Theodor Storm. Doch das hat heute geschlossen. Macht nichts, meint meine Dame, für die beiden jungen Damen sei das eh’ nicht sonderlich interessant. Doch da es vor der Kür (Shoppen) noch eine Pflicht (irgendetwas halbwegs Kulturelles besichtigen) geben muss, marschieren wir ins Husumer Weihnachtshaus, das im vergangenen Jahr seine Pforten erstmals öffnete, geführt von der Ehefrau des Inhabers des Husum Verlags. “Im Ambiente eines gründerzeitlichen Hauses findet man hier eine der umfangreichsten Sammlungen zum Thema Weihnachten vom Biedermeier bis heute”, heißt es in einem Informationsblatt am Eingang.

Die beiden Teenager wirken gar nicht so uninteressiert. Unten am Eingang liegt ein Gästebuch aus, und ich bin ganz baff, als ich lese mit welchen Worten sich unsere 13-jährige Nichte beim Verlassen dort eingetragen hat. “… bin ich tief beeindruckt von der Sammlung in Ihrem schönen Haus”, schreibt sie, “und werde viele Eindrücke mit nach Hause nehmen.” So oder so ähnlich, und dann folgt eine Illustration – ein Herz mit Flügeln. Vielleicht interpretiere ich da viel zu viel hinein, doch muss ich bei diesem Bild an ihre verstorbene Mutter denken.

Bleiben wir in dieser Welt. Im Erdgeschoss des Weihnachtshauses befindet sich ein kleiner historischer Laden aus dem Jahr 1890, der zum Stöbern und Entdecken einlädt. Wir erwerben einen steinernen Stern als Halter für ein Honig-Teelicht und eine Packung Honig-Teelichter dazu. Dann endlich dürfen die drei Damen zum großen Shoppen in die Stadt. Der Chronist trottet hinterher.

*  *  *

Damit schließe ich das Tagebuch dieser Jahreswende. Am nächsten Vormittag wird aufgeräumt, die Ferienwohnung für die nächsten Gäste vorbereitet. Wobei wir dem Vater unserer Nichte Lügen strafen – denn entgegen seinen jahrelang vorgetragenen Klagen putzt und räumt niemand so gut auf wie seine Tochter. Warum grinst sie nur so, als wir das lobend erwähnen? Dann geht es auf die 500 km lange Reise in den Süden und wir liefern die Deerns bei ihren jeweiligen Eltern ab.

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Unser Leben in ‘Uns Huus’: Jahreswechsel 2008/2009
Bearbeitungsstand 01.12.2014