Reizklima

Oktober 2011

 

Freitag, 30. September 2011

Nach einem nicht weckenden Wecker in der Früh und Verspätungen bei Bus und Bahn am Mittag fahren wir erst gegen 14.30 statt 13 Uhr in Hamm los. Um viertel nach acht sind wir in Tönning. Nur wenig später trifft Gunnar mit seiner Teilfamilie ein, den wir bei einem Boxenstopp an einer Raststätte überholt haben müssen, denn in Bremen war er – das Handy lässt grüßen – noch zehn Kilometer vor uns. Unser neues Vordach und die Rankgitter auf seinem Autodach haben den Transport gut überstanden, sein fast neues Auto auch. Schade, dass wir den Aufbau nicht vor dem Abladen fotografiert haben.

Lady Gregory, © 2011 Jürgen KullmannEs hat sich was getan an unserer gartenseitigen Hauswand. Ein Element des Zauns zur Straße wurde herausgenommen, um Platz für ein fahrbares Gerüst zu schaffen, und unter dem Dach des Pavillon versammeln sich Eimer und Arbeitsmaterialien. Die Wand ist sauber und frisch verputzt – riesig wirkt sie ohne den wilden Wein, eine große helle Fläche. Ist das schon die endgültige Farbe? In der Dämmerung ist das schlecht auszumachen. Mien Deern sagt “vermutlich”, doch Gunnar meint “nein, Dr. Watson” und listet Sherlock-Holmes-like seine Argumente auf. Sie klingen logisch. Wir versuchen uns vorzustellen, wie die Wand wirken wird, wenn das Gesims und der Sockel wie geplant farblich abgesetzt sind, doch selbst in der Vorstellung ist es dafür zu dunkel, so dass wir uns erst einmal im Haus einrichten. Melissa findet ihr Captain’s-Daughter-Zimmer ganz toll, und Lady Gregory – siehe Foto – tröstet sie über ihr vergessenes Kuscheltier hinweg. Lady Gregory kommt auf ihren Wunsch hin auch mit runter zum Essen; es gibt Tortellini in einer Lachs-Sahne-Sauce.

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Sonnabend, 1. Oktober 2011

Nach dem Frühstück stehen wir auf der Terrasse neben dem Haus und betrachten die Wand. Der Nachbar von gegenüber gesellt sich hinzu und bestätigt Gunnar in seiner Meinung: “Da ist noch gar keine Farbe drauf, das ist alles nur Putz.”

Die Sonne scheint, das Meer lockt, doch zunächst einmal die Pflicht: Wir bauen das neue Vordach für die Hintertür zusammen, wenngleich nicht ganz so, wie es vor dem Zerlegen aussah, denn dann hätte die Tür nicht zwischen die beiden seitlichen Träger gepasst – ein Aspekt, den wir bei der Auftragsvergabe sträflich vernachlässigt hatten. Dadurch bleiben in der dicken Plexiglasscheibe vier überflüssige Löcher, in die nun ‘Ziernoppen’, im Handel als Schubladenknöpfe erhältlich, eingesetzt werden, die so tun, als gehörten sie von vornherein dazu.

Am Meer, © 2011 Jürgen KullmannMelissa an der Nordsee – zum zweiten Mal in ihrem Leben, doch an das erste Mal, da war sie vier, erinnert sie sich nicht mehr. Es ist ein herrlicher Sommernachmittag an diesem ersten Oktober, und alles strömt auf die Sandbank von St. Peter-Ording. Nach einem ersten Abtasten des kühlen Nasses legt sich die junge Dame in die dreißig Zentimeter tiefen Fluten den heranbrausenden Wellen entgegen. Dann wird im Sand gebuddelt, ein tiefes Loch gegraben und mit der Nordsee durch einen Kanal verbunden. Das Nordseewasser fließt durch den Kanal in das Loch, doch die See wird nicht leer. Da kann man warten, solange wie man will!

Aber das Kind ist glücklich und ihr Tross zufrieden. Anschließend noch ein Erinnerungs-Foto und für alle ein Eis, und Melissa erträgt es nach ihrem Abenteuer am Meer gelassen, dass ihre Bestellung (Spaghetti Eis) zunächst vom Kellner vergessen wird. Dafür hat sie dann von allen am längsten etwas davon.

Am Abend ziehen wir zum Dinner in den Roten Hahn. Melissa besteht darauf, dass Lady Gregory mitkommt.

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Sonntag, 2. Oktober 2011

EGrachtenfahrt Friedrichstadt, © 2011 Jürgen Kullmanns ist nicht mehr ganz so sonnig wie gestern, daher geben wir dem Tag noch etwas Zeit zum Wärmerwerden und machen mit unserem Tross einen Spaziergang durch Friedrichstadt, ehe wir ihn zu einer Grachtenfahrt einladen – verbunden mit einer Jagd des Kapitäns auf zwei Tretbootfahrer. Ob die beiden just zu diesem Zweck vom Tourist Office engagiert wurden? Melissa erklärt auf Nachfrage, es habe ihr gut gefallen, doch ganz so überzeugt wie gestern am Strand von St. Peter-Ording wirkt sie dabei nicht.

Nach der Grachtenfahrt und Nudeln mit einer Sauce aus Knoblauchöl und Lachs an einem Außentisch der Pizzeria am Markt passieren wir den Antiquitätenladen schräg gegenüber, der heute Vormittag geschlossen war:

SALE !
Wegen Auflösung unserer Filiale
in Heide 20 % auf alles!

Am Meer, © 2011 Jürgen KullmannDa schauen wir doch mal rein! Wollten wir vor unserem portugiesischen Seefahrer-Azulejo im Treppenhaus nicht schon immer so einen historischen Stuhl wie diesen haben? Mien Deern hat ihren Traumstuhl gefunden und bekommt das laut Aufkleber ursprünglich mit € 395 ausgezeichnete und später im Preis auf € 335 gesenkte Stück nach langwieriger Verhandlung, in der sie das Argument, er sei bereits im Preis gesenkt und falle daher nicht unter die Rabattofferte, wegargumentiert, für 270 Euro. Ich trage ihn zum Auto.

Den Nachmittag verbringen wir mit Melissa und ihren Erzeugern am grünen Strand von Vollerwiek. Melissa meint, das Wasser sei warm genug zum baden, ihre Mutter meint “nein”, der Vater hält sich raus und das Kind setzt sich durch.

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Montag, 3. Oktober 2011

Während wir noch frühstücken, klopft jemand ans Fenster. Ein Nachbar. Sien Fru wisse noch nichts davon, sagt er, doch er wolle gleich mit einem Freund zum Krabbenfischen auf die Eidermündung raus. Ob wir heute Abend Lust zum gemeinsamen Pulen und verspeisen des Fangs hätten? Bei uns in der Wohnung, sie würden uns die Sache schon beibringen … ? Keine Frage, dergleichen kann man, nein, darf man nicht ablehnen.

Nachdem unsere Transporthelfer vom Wochenende mit leerem Dachgepäckträger wieder abgereist sind, wuseln wir ein bisschen im Garten herum, rupfen zwei Müllsäcke Grünzeug heraus und pflanzen aus Dortmund mitgebrachtes Grünzeug ein. Anschließend besorgen wir ein paar Flaschen Wein für den Abend, dazu frisches Roggenbrot, Zwiebelbaguette und diverse weitere Kleinigkeiten.

Die beiden kommen kurz nach acht, er eine große Plastikkiste tragend und sie eine Wachstuch-Tischdecke unterm Arm, die über den Tisch gelegt wird. Die erste Portion Krabben wird auf den Tisch geschüttet, jeder bekommt einen Pulteller, eine Abfallschüssel, ein erstes Glas Wein, und dann geht es unter fachkundiger Anleitung los.

Krabbenpulen, © 2011 Jürgen KullmannEs klingt brachial, doch die armen Dinger sind ja eh schon tot: mit der linken Hand zwei Ringe hinter dem Köpfchen festhalten und mit der rechten den Panzer an der Schwanzspitze abziehen. Ein Schluck Wein zum Mut antrinken, Augen auf und los. Zwei der vier Teller mit Krabbenfleisch füllen sich schnell, einer langsam und einer sehr langsam. Ob der Panzer leichter oder schwerer abgeht, lernen wir, hängt auch davon ab, wie fachgerecht die Krabben auf dem Kutter gekocht wurden, nicht zu lange und nicht zu kurz. Daher erkennt man den erfahrenen Krabbenkäufer auch daran, dass er sich erst ein paar Krabben zum Probepulen (und -kosten) geben lässt, ehe er den Handel eingeht.

Was tun mit den Krabbenschalen? Auf keinen Fall lose in die Müll- oder Biotonne, werden wir gewarnt, denn bis in zwei Wochen die Müllabfuhr kommt, würde die Sache zum Himmel stinken. Also rein in eine Plastiktüte und diese fest verknoten, oder, wie es (verbotswidrig) lokale Selbstversorger machen, nach dorthin zurück, wo sie herkommen – sprich mit dem Boot raus und ab in die Eider.

Neue Krabben werden auf den Tisch geschüttet, und nach zwei Stunden und zwei Flaschen Wein ist die Kiste abgearbeitet. Frisches Roggenbrot, dazu Butter, die Krabben und etwas Meersalz aus der Mühle: mehr braucht der Kenner nicht. Sind die Krabben frisch, ist jeder Dipp überflüssig.

 
*  *  * Fortsetzung folgt *  *  *

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Unser Leben in ‘Uns Huus’: Oktober 2011
Letzte Bearbeitung 18.10.2017