Die erste Reise

– Herbst 1997 –

 

Prolog

Es lief nicht so gut, in diesem Jahr. Schon seit Monaten rumorte es in der Firma, dann vor drei Wochen ein Anruf: kein Geld da für die Gehälter, und nun ist man arbeitslos. Die Stimmung könnte also besser sein, bei dieser ersten Begegnung mit den Nordfriesen.

Das heißt, bei meiner erste Begegnung mit den Nordfriesen, und Tönning soll es sein. Vor zwei Jahrzehnten war mein Mädchen hier. “Tönning wollte mich nie”, so ihre Erkenntnis, doch nun will man es der Stadt zeigen. 1977, im Jahr nach ihrem Abitur, unternahm sie mit einem Freund eine mehrwöchige Fahrradtour durch das Land. Im strömenden Regen erreichten sie am späten Abend Tönning, wo es eine Jugendherberge hätte geben sollen. Geschlossen wegen Baufälligkeit! Also weiter im Regen und gegen den Wind nach Friedrichstadt, wo es Probleme gab eingelassen zu werden.

Wenige Jahre später starb der Freund, und damit war für lange Zeit auch Nordfriesland gestorben. Nach fast 20 Jahren im vergangenen Herbst ein neuer Versuch: eine Ferienwohnung ward gebucht, die Anzahlung geleistet – und dann ein Arbeitsunfall. Vier Wochen Krankenhaus und Tönning entschwand mitsamt der Anzahlung.

Doch jetzt sind wir da, schreiben den 24. September des Jahres 1997. Fünf Stunden Fahrt liegen hinter uns, begleitet von vor einem Vierteljahrhundert aufgenommen plattdeutschen Liedern von Hannes Wader und Knut Kiesewetter aus dem Kassettenrekorder des Autos. Ob die Stadt ihren Widerstand aufgegeben hat?

*  *  *

TagebuchEs folgt ein Reisetagbuch, mehr in Stichworten als wohlformulierten Sätzen, und eher zufällig zustande gekommen. Im Schaufenster der Buchhandlung am Markt lag ein Plattdeutsches Wörterbuch, mein erster Einkauf auf diesem Nordfrieslandtrip. Hinten im Buch eine Reihe freier Seiten mit der Überschrift

FÜR IHRE NACHTRÄGE

Und irgendwie reizte es mich, diese Seiten zu füllen. Hier sind sie nun, diese Nachträge.

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Mittwoch, 24. September 1997

Hafen Tönning, © Jürgen KullmannIn Tönning eingetroffen. Es ist früher Nachmittag und wir unternehmen einen kleinen Rundgang um den Hafen, derweil wir unseren Hunger mit Krabbenbrötchen aus Guszinkis Fischimbiss stillen. Dann eine Schnupper-Radtour in Richtung Eidersperrwerk, das wir jedoch nicht erreichen. Das Abendessen gönnen wir uns im Godewind, dem ersten Haus am Platz, beziehungsweise Hafen! Mein Mädchen entscheidet sich für Muscheln und ich für Krabben mit Rührei und Bratkartoffeln. Lecker!

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Donnerstag, 25. September 1997

Beim Bäcker Krummhauer Brötchen erstanden und in unserem von Frau *** gemieteten ‘Cottage’ gefrühstückt. Bemerkung zur Unterkunft: Ein bisschen fühlen wir uns von Frau *** hereingelegt, oder Tönning versucht erneut mein Mädchen abzuweisen. Im Prospekt des Fremdenverkehrsverein mit einer schönen Gartenansicht angepriesen, liegt die Ferienwohnung nach vorne zur schon frühmorgens lauten Ausfallstraße, ist arg dunkel und riecht leicht säuerlich. Weil kürzlich die Fenster neu versiegelt wurden, erklärt Frau *** Da hilft auch kein Lüften.

Doch nun geht es auf den Drahteseln in Richtung Eidersperrwerk. Kurz vor der Anlage, die seit ihrer Fertigstellung im Jahr 1973 das Hinterland vor Überflutungen schützt, machen wir an einem See gegenüber einer Surfschule Rast und ich übe ein wenig auf der neuen chromatischen Mundharmonika, ein Geburtstagsgeschenk. Ob ich es wohl noch lernen werde, die tiefen Töne sauber herauszubekommen?

Weiter zum Sperrwerk, wo wir beobachten, wie zwei Schiffe durch die Schleuse gelassen werden, und dann immer am Deich entlang bis nach St. Peter Ording, Ortsteil Böhl. Das Watt glitzert im Gegenlicht, wir sind hinreichend beeindruckt. Das war doch gar nicht so schwer, die Strecke zu bewältigen! Stolz auf unsere Kondition und stärken wir uns auf einem der Pfahlbauten an Matjestellern. Lecker! Seekiste nennt sich dieser am Böhler Strand 1911 errichtete Urahn aller St. Peter-Ordinger Pfahlbauten heute. Seinerzeit nannte man ihn Giftbude, ob uns das abgeschreckt hätte? Doch der Name hatte nichts mit Gift zu tun, sondern ging auf das althochdeutsche Wort für ‘Gabe‘ oder ‘geben’ zurück. Und tatsächlich gab es in der Giftbude etwas, nämlich Alkohol – den dann manche wiederum auch als Gift bezeichnen.

Auf dem Heimweg merken wir, was uns auf dem Hinweg Flügel verliehen hatte: nicht unsere Kondition, sondern der Rückenwind. Das erinnert an eine Geschichte von Astrid Lindgren: Ich weiß nicht mehr, ob es Lasse oder einer der anderen beiden Jungs aus Bullerbü war, der beschlossen hatte Drehrumdiebolzen-Ingenieur zu werden. Er fand es lästig, dass der Weg zur Schule, der auf dem Hinweg den Berg hinunterführte, auf dem Rückweg anstieg, und beschloss in seinem künftigen Beruf einen auf Bolzen gelagerten Pfad zu konstruieren, der stets in eine Bergabposition gebracht werden konnte. Inzwischen dürfte er das Projekt realisiert und Zeit für neue Aufgaben haben. Wie wäre es mit einem auf Fahrrädern installierbaren Windumleitungssystem, das diesen immer von hinten blasen lässt? Ans Werk, ihr Puste-rum-den-Wind-Ingenieure!

Aber auch mit Gegenwind kommen wir, wenngleich arg schnaufend, am Abend in Tönning an. Ca. 60 km auf dem Fahrradsattel verbracht, sämtliche Knochen und die Sitzflächen schmerzen, doch das Essen am Hafen schmeckt dafür umso besser – zumindest, was mein Haisteak mit Knoblauchsauce betrifft. Mein kleines Mädchen hingegen ist von ihren Eiderstedter Mehlbeuteln nebst Beilagen so wenig begeistert, dass sie ihren Schal vergisst.

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Freitag, 26. September 1997

Nit dem Fahrrad nach Friedrichstadt, erst am Nordufer der Eider entlang, dann, als der befahrbare Pfad vor einem Zaun endet, quer über ein Feld zur B 202 hinunter, die sich hier Grüne Küstenstraße nennt. Laut, lärmend und mit dem Odeur der Autoabgase. Auf halber Strecke breche ich fast zusammen, bis ich auf die geniale Idee komme, den schweren Fotorucksack vom Rücken auf den Gepäckträger zu verlagern. Die sichere Befestigung gestaltet sich zwar etwas schwierig, aber irgendwie geht’s.

Friedrichstadt Markt, © 1999 Jürgen KullmannFriedrichstadt. Die norddeutsche Stadt der Grachten, kein Wunder, denn sie wurde von Holländern gegründet. Eine hübsche Stadt, doch das steht alles auch in den Reiseführern. Was nicht in ihnen steht, ist, dass es in der Apotheke am Markt Augentropfen gibt, um das vom Fahrtwind arg entzündete Auge meines Mädchens wieder heil zu machen.

Den Rückweg nach Tönning nehmen wir südlich der Eider über Lunden – eine sehr viel angenehmere Strecke. Wir werden sie uns merken.

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Sonnabend, 27. September 1997

Nun sind wir derartig wundgesessen, dass wir am Vormittag statt auf Fahrradsättel nur einen kleinen Spaziergang auf Schusters Rappen durch den Tönninger Hafen machen. Am Nachmittag geht es dann über den alten Deich vom Katinger Watt zum Meer, wo mein Mädchen barfüßig durch den schwarzen Schlick stapft und den sphärenhaften Klängen einer Mundharmonika lauscht, die vom Ufer her über das Watt hallen: The Town I Loved So Well, Phil Coulters Lied über das zerrissene Belfast. Warum gerade das? Nun, es ist das einzige Lied, das der Spieler bislang auf diesem Instrument beherrscht. Vielleicht sollte er ein anderes einüben, wie wäre es mit Rolling Home? Dann rollen wir mal nach Tönning zurück!

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Sonntag, 28. September 1997

Sonntag. Die Fahrräder bleiben im Schuppen und wir fahren mit dem Auto nach Meldorf, besuchen das Dithmarscher Landesmuseum. 1894 erbaut, ist es der älteste Museumsbau Schleswig-Holsteins, eine reiche Schatzkammer, wie der frühere Hausherr Nis Nissen vor mehr als zwei Dekaden schrieb, mit kulturgeschichtlichen Aufschlüssen über die Küstenlandschaft, Landgewinnung, Besiedlung, Fischerei und vieles mehr, eine hübsche Spielzeugsammlung inbegriffen. Vor sieben Jahren ging er in Rente, entnehmen wir einer Chronik des Museums, die Rosen habe seine Frau in den heimatlichen Garten mitgenommen.

Herr Nissen, an den erinnert sich mein Mädchen aus Tagen, die zwanzig Jahre zurückliegen ...

Das stimmt! Wir kamen auf unserer Nordfrieslandtour gegen Mittag in Meldorf an. Ein Mann schloss gerade die Museumstür, schaute freundlich zu uns herüber und ging. Mittagspause bis drei! Wir fanden ein nettes Restaurant in einer Seitenstraße. Ich weiß noch, gebratener Aal mit Dillsauce, das Tagesgericht. Am Nachbartisch – du, kennen wir den nicht? – der ‘Museumsschließer’.

Nach dem Lunch ist es noch zu früh für das Museum, und so marschieren wir in eine Eisdiele. Eine Portion, zwei Portionen, doch jetzt schauen wir uns erst einmal die Stadt an. Över de stillen Straaten, wer kommt uns auf ihnen entgegen – der Museumsschließer und Gast vom Nachbartisch, der sich ein Schmunzeln nicht verkneifen kann. Wir uns auch nicht.

Die Zeit verstreicht langsam in Meldorf, die Museumstür ist immer noch geschlossen. Nach einer Dreiviertelstunde hocken wir abermals in die Eisdiele, ein weiterer Becher für jeden. Dann wieder auf die Straße ... und vorbei schlendert, einen Ausdruck von ‘aha, das verliebte Pärchen’ im Gesicht, schmunzelnd unser mittlerweile alter Bekannter.

Endlich wird es drei, die Pforten des Landesmuseums öffnen sich – und wer steht da in der Halle? Allwissend-verschmitzt-freundlich grinsend der Hausherr. “Kann es sein, dass wir uns heute schon einmal begegnet sind?” spricht aus seinem Gesicht. Zumindest halten wir ihn für den Hausherrn, und er erklärt uns alles, was der Erklärung bedarf.

25 Jahre später ist Meldorf immer noch eine stille Stadt, vor allem, wenn man sonntags auf einer Bank auf dem großen, kopfsteingepflasterten Platz vor dem Dom sitzt, wie er von den Dithmarschern etwas außerhalb der Legalität genannt wird, da weder Bischof noch Abt je an ihm residierten. Eine stille Stadt mit stillen Straßen, geschaffen für eine Erzählung von Theodor Storm, dessen Gestalten am inneren Auge vorüberziehen. Da nimmt man in Kauf, dass die Restaurantauswahl eher bescheiden ist – und es den Fritten-Metzger nicht mehr gibt, meint mein Mädchen ...

Ja, das muss ich auch noch erzählen! Drei Tage blieben wir damals in Meldorf, es war einer der schönsten Zeltplätze auf unserer Nordfriesland-Tour. Am Marktplatz gegenüber dem Dom gab es eine ehemalige Fleischerei, aber noch mit den alten Kacheln, den Fleischerhaken an der Decke, der alten Theke und allem, was früher zu einer Metzgerei gehörte.

Hinter der Theke der ehemalige Metzger, um die 70 Jahre alt. Unter seinem schneeweißen, gestärkten Metzgerkittel trug er ein blau-weiß gestreiftes Hemd. Die Fleischerei hatte er durch Installation eines altmodischen großen Frittenkessel in einen Imbiss umgewandelt, alles pieksauber. Dort stärkten wir uns an Fritten und Bratwurst, erzählten, woher wir kamen, wo wir sind, wohin wir gehen. Er fragte uns, ob wir schon auf der Dusenddüwelswarf waren. Nein? Da müssten wir aber unbedingt hin!!! Da hätten doch im Jahr 1500 die freien Dithmarscher Bauern der freien Dithmarscher Bauernrepublik die Dänen geschlagen! Und er erzählte uns die Geschichte der Schlacht von Hemmingstedt.

400 Jahre später hat man auf der Dusenddüwelswarf ein Denkmal aus Findlingen errichtet, der Metzger zeigte uns auf der Karte die Stelle. Tags drauf zogen wir dann los, diese Tausendteufelswarft zu suchen: ein Hügel auf den eine Treppe führt, ein großer Findling und ein Gedenkstein, in den ‘Dusenddüwelswarf’ gemeißelt ist. Dazu eine Bank zum Hinsetzen und Gucken, und das haben wir dann auch gemacht.

dusendduewelswarf

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Montag, 29. September 1997

Ein sanfter Morgen, an dem es entgegen allen Vorhersagen des friesischen Wetterdienstes nicht regnet. Wir machen uns auf den Drahteseln zum Roten Haubarg auf, über das weite Land unter einem unendlichen Himmel.

Schloss Hoyerswort, © Jürgen KullmannIn einem kleinen Wäldchen bei Oldenswort liegt Schloss Hoyerswort, erbaut vom Staller Caspar Hoyer, der allerdings nicht mehr einziehen konnte, da er im Jahr der Fertigstellung 1594 starb. Es ist das einzige Schloss auf der Halbinsel Eiderstedt, seit nunmehr 200 Jahren im Besitz des reichen Bauerngeschlechts der Hamkens. Hier kann man, wenn man mag und das Geld für ein Bed & Breakfast hat, ins neue Jahr rutschen und sich vom Schlossherrn die Geschichte seiner Ahnen erzählen lassen. Nicht auszuschließen, dass er die eine oder andere Geistergeschichte auf Lager hat.

Doch wir fahren weiter zum Roten Haubarg, der weder rot ist noch montags geöffnet hat. Vor 15 Jahren hat ihn die Stiftung des Kreises Nordfriesland erworben und in ihm eine Zweigstelle des Eiderstedter Heimatmuseums eingerichtet. Der Name stammt von seinem Vorgänger aus dem sechzehnten Jahrhundert, der mit roten Ziegeln eingedeckt war, die seinerzeit wesentlich mehr als ein Reetdach kosteten.

Da man den Haubarg heute nicht besichtigen kann, fahren wir weiter zur Husumer Bucht und setzen uns dort auf eine Kinderschaukel und schauen ein wenig aufs Meer.

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Am grauen Strand, am grauen Meer,
Und seitab liegt die Stadt;
Der Nebel drückt die Dächer schwer,
Und durch die Stille braust das Meer
Eintönig um die Stadt.

Theodor Storm

Dienstag, 30. September 1997

Das angekündigte schlechte Wetter – es wäre eine so gute Ausrede dafür gewesen, dass wir uns nicht auf die Fahrradsättel setzen – bleibt aus. Nun denn, so fahren wir trotz gutem Wetter mit der Bahn nach Husum, in Storms graue Stadt am grauen Meer, die heute alles andere als grau ist.

Eintrittskarte StormhausWir besuchen das grüne Haus in der Wasserreihe 31, das Storm von 1866 bis 1880 bewohnte und inzwischen ein Museum ist. Wenn man im Obergeschoss in des Dichters Poetenstübchen steht, in das mit seinen dunkelroten Wänden, dunklem Deckengebälk und dunklem Mobiliar nur wenig Licht durch das kleine Fenster fällt, versteht man, warum seine Geschichten oft etwas düster-melancholisch sind.

Er hat sich dieses Arbeitszimmer selbst ‘gedichtet’, entnehmen wir einem Faltblatt, d.h. angebaut, nachdem er zwecks Aufbesserung seines Einkommens als Amtsrichter die untere Etage vermietet hatte. Zuvor war er mit deutlich besserem Gehalt Landvogt gewesen, doch diesen Posten hatten ihm die Preußen nach Gründung des Norddeutschen Bundes genommen und die Landvogtei im Erdgeschoss aufgehoben. Das Stübchen ist original aus der Stormzeit erhalten, hier entstanden mehr als zwanzig seiner Novellen.

Besichtigen macht hungrig und durstig. So stärken wir uns im Gasthof Dragseth neben dem Schifffahrtsmuseum, dem ältesten Wirtshaus der Stadt, in dem man die besten Wirsingrouladen der Welt zubereitet und Guinness vom Fass serviert.

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Mittwoch, 1. Oktober 1997

Da das versprochene schlechte Wetter Eiderstedt noch nicht erreicht hat, sitzen wir wieder auf den Rädern. Vorbei an der Schankwirtschaft Andresen fahren wir durchs Katinger Watt zum Deich und dann ein Stück unten am Wasser entlang nach Westen. Endlich ist einmal keine Ebbe, und so sehen wir auch etwas vom Meer, derweil wir oben auf der Bank vor der DLRG-Station bei Vollerwiek eine Pause einlegen.

Dann geht es weiter durch die Welt* nach Garding, wo man in der Kupferpfanne hervorragend essen kann. Geführt von einem Schweizer Koch, den vor zwanzig Jahren vermutlich die Liebe nach Nordfriesland verschlagen hat, ist es das beste Restaurant auf der Halbinsel Eiderstedt. Seine Rösti-Gerichte sind unschlagbar, darauf zum Beispiel mit Knoblauch gespickte Lammfiletscheiben und als Beilage sein handgeraspelter Salat.

* Durch die Gemeinde Welt, versteht sich, in der es übrigens auch ein ganz nettes Lokal gibt.

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Donnerstag, 2. Oktober 1997

Wir fahren mit dem Auto nach Seebüll, zum Emil-Nolde-Museum. Die Landschaft wird noch weiter, der Himmel noch größer, und es wird stürmisch. ‘Kein anderer Künstler hat den Himmel über der Marsch so eindrucksvoll gemalt wie Nolde’, lese ich in einem Artikel über die Maler Nordfrieslands.

Selbstbildnis NoldeDoch eigentlich hieß dieser ‘große Einzelgänger des deutschen Expressionismus’ gar nicht Nolde. Einem friesischen Bauerngeschlecht entstammend, wurde er 1867 als Emil Hansen geboren und nahm erst 1901 den Namen seines Heimatdorfes Nolde an. 1927 ließ er sich mit dem Bau seines Hauses ‘Seebüll’, das er auf einer Warft erbaute, endgültig in Nordfriesland nieder. Heute residiert hier die Nolde-Stiftung mit dem Museum. Der kleine Ausschnitt oben links entstammt einem Selbstbildnis von 1947, als er sich anlässlich der Feier seines 80sten Geburtstags zum letzten Mal selbst malte. Hochbetagt starb er 1956.

Bilder aus Friesland sieht man allerdings kaum in der aktuellen Ausstellung, und im Original und aus der Nähe betrachtet, gefallen uns seine Aquarelle besser als die Ölgemälde. Nun denn, da wir die stürmische See auf seinen Bildern nicht gefunden haben, fahren wir nach Dagebüll, setzten uns in ein Restaurant oben am Deich und betrachten sie in natura durchs Fenster.

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Ick treck mit mienen Ewer,
De Netten dörch Kloak;
In’t Watt för Westerhever,
Hier ward Naturschutzpark.

Liederjan

Freitag, 3. Oktober 1997

Auf zum Westerhever Sand, nicht nur verewigt durch seinen Leuchtturm, sondern auch in einem bissigen Lied von Liederjan, mit dem sie 1982 zu flotter Melodie die Umweltverschmutzung im Wattenmeer aufs Korn nahmen.

Leuchtturm, © Hildegard Vogt-KullmannAuf dem Leuchtturm kann man heiraten, doch darf man Wind und Wetter nicht fürchten, will man seinen Ehebund dort schließen. Der Weg ist mitunter überflutet, und es kam schon vor, dass Brautleute und Hochzeitsgesellschaft, Schuhe und Strümpfe in der Hand, mit gerafften Kleidern und hochgekrempelten Hosen durchs Wasser wateten. Gut zu Fuß sollte man also sein, und wer seine Braut anschließend die sechzig Stufen ins Trauzimmer tragen will, macht besser vorab ein Konditionstraining.

Heute sind uns Wind und Wetter freundlich gesonnen. Der Himmel lichtet sich, darunter leuchten die Salzwiesen, und auch der Leuchtturm leuchtet, wenn auch nicht aus eigener Kraft. Der Kameraauslöser klickt und klickt und klickt. Später wird mein Mädchen zum Pinsel greifen, sich allerdings auf das Wesentliche beschränken, und so sieht man am Fuße des Leuchtturms nur ein Haus.

*  *  *

Das war sie also, die erste Nordfrieslanderkundung, und nun sind alle Bleistifte stumpf und der Chronist macht Schluss.

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Reisebericht Nordfriesland 1997, © 2011 Jürgen Kullmann – Letzte Bearbeitung: 27.07.2011