Kulturweihnachten

Jahreswechsel 2012 / 2013

 

Donnerstag 20. Dezember 2012

Un för allens, wat Se sik denn vörnehmen warrt, jümmers en gode Wind, und für alles, was Sie sich für die Feiertage und das neue Jahr noch vornehmen werden, stets einen guten Wind, wünscht aus dem Autolautsprecher der Sprecher der Gruppe Godewind in einer mehr als 25 Jahre alten Aufzeichnung eines Weihnachtskonzertes aus dem Husumer Congress Centrum, als wir das Ortsschild von Tönning passieren.

Hauke-Haien-Koog, © 2012 Juergen KullmannWir sind gut durchgekommen, knapp fünf Stunden Fahrt, und es ist Viertel vor sieben. Die Außentemperatur liegt um den Gefrierpunkt, an der Ecke zur Süderstraße noch ein schmuddeliger hoher Schneehaufen und im Haus ist es knapp fünfzehn Grad kalt. Das entspricht in etwa den 13 °C, für die wir die neue Heizung für die Zeit unsere Abwesenheit programmiert hatten – Test bestanden, ein guter Wind! Doch nun schalten wir sie wieder auf Normalbetrieb, und es wird schneller warm als gedacht. Der Kaminofen unterstützt sie dabei. All das, was heute Vormittag in Dortmund eingepackt wurde – das obige Foto zeigt, wie unsere auf dem Tisch sitzenden und auch noch mitwollenden Gruppenreisenden das Gepäckvolumen vor der Abreise misstrauisch betrachten –, muss jetzt im Haus verstaut werden.

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Freitag, 21. Dezember 2012

Unser Nis Puk habe Blähungen, hatten die letzten Feriengäste ob gelegentlicher Geräusche aus der Küche vermutet, doch Nis Puk protestiert. Die kritisierten Geräusche habe unser Kühlschrank abgegeben, lässt er uns wissen, und wir sollten uns mal nach einem neuen umsehen.

So stehen wir heute Vormittag bei Euronic Krings in Garding und erläutern der Seniorchefin unser Problem. Warum ein Einbaugerät ohne Außenhülle ein Drittel mehr kostet als eine freistehende Kühl-Gefrierkombination mit allem Drum und Dran, kann sie uns auch nicht sagen. Sie müsse jetzt gleich mit ihrem Mann zu einer Beerdigung nach Tönning, fährt sie fort, anschließend werde dieser bei uns anklingeln, das Gerät ausmessen und dann nach einem Ersatz Ausschau halten. Dann beklagen wir noch ein Problem mit dem Lichtschalter an unserer Dunstabzugshaube, der, wie wir finden, ungesund knistert, wenn man die Beleuchtung einschaltet. Auch darum werde ihr Mann sich kümmern, verspricht sie.

Mien Deern fährt fort

Gegen 17 Uhr meldet sich Egon Krings am Telefon und kündigt seinen Mitarbeiter Herrn H. an, der ‘alle Freiheiten’ habe. Eine halbe Stunde später ist er mit einem Auszubildenden vor Ort; es ist der gleiche, der vor fünf Jahren die alte Spülmaschine austauschte und den Backofen reparierte. Die Maße der Kühl-Gefrierkombination sind schnell ermittelt. Bei der Dunstabzugshaube löst er fünf Schrauben und entfernt einen Kunststoffdeckel, hinter dem sich nicht computergesteuerte Hightech, sondern zwei mechanische Schalter und ein Stück Platine mit einem Dutzend Lötpunkten befinden. Zweimal schalten und ein scharfer Blick, und schon ist die Ursache gefunden: Kein Problem, nur eine ‘kalte Lötstelle’, erklärt er. Der Azubi wird angewiesen einen Lötkolben aus dem Auto zu holen, der Liebste muss am Verteilerkasten den Strom für die Küche abschalten und ich besorge eine Verlängerungsschnur und eine Kabellampe, um für Licht und Elektrizität aus der Diele zu sorgen.

Zehn Minuten später ist das Problem behoben, und die Töpfe auf dem Herd können wieder beleuchtet werden. Eine Reinigung würde dem Sauggerät allerdings ganz gut tun, und ein Filterwechsel nicht minder. Wir nehmen uns das für morgen vor. Noch während der Aktion schaut Frau W. vorbei. Wir begutachten das Werk der Handwerker zu Dritt und trinken, nachdem sie uns verlassen haben, ein Glas Wein auf den Erfolg.

Am Abend klingelt das Telefon. Herr Krings, der – vermutlich um vom Preis abzulenken – nicht enden wollend ‘meine schöne Telefonstimme’ lobt, berichtet, nachdem er dann endlich zur Sache kommt, dass er bis zum 4. Januar ein Ersatzgerät bestellen & einbauen oder für 400 Euro weniger ein Solo-Standgerät in Edelstahloptik besorgen & aufstellen kann. Wir entscheiden uns für das Einbaugerät. Eine ‘liebevolle Einrichtung’, wie die letzten Feriengäste sie beschrieben haben, hat nun einmal ihren Preis und Nis Puk seine konkreten Vorstellungen.

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Sonnabend, 22. Dezember 2012

Über Nacht hat es ein wenig geschneit, doch schon morgen soll es wieder tauen, sagen die Wetterfrösche. Uns Huus ist mit den Fenstern direkt am Gehsteig ausgesprochen kommunikationsfreundlich. Frau H. von nebenan klopft nach dem Frühstück ans Küchenfenster, und mien Deern hält einen Schnack mit ihr, bis es zu kalt in der Küche wird. Dann kommt die Post und bringt ein Weihnachtspäckchen von Tante Gisela.

Hauke-Haien-Koog, © 2012 Juergen KullmannIch schiebe die zwei Zentimeter Schnee vom Gehweg, gerade noch rechtzeitig, ehe Karin anrückt, um dies in Erfüllung ihres Winterdienstvertrags für uns zu tun. Das macht sicher einen guten Eindruck auf uns als Nachbarn! Mein Mädchen hält einen Schnack mit ihr. Ob sie nun die dritte Essenseinladung ausspricht? Die erste ging gestern Morgen an die Nachbarn von der Deichstraße und die zweite am Nachmittag an unseren Hausservice.

Am frühen Nachmittag machen wir uns bei Schnee und Glätte zu Fuß zum Sky-Markt und Aldi auf. Uns fehlt noch etwas Gemüse für die Suppe, vor allem aber ein neuer Filter für die Dunstabzugshaube, ehe sie nach der Reparatur wieder zusammengebaut wird. Das Auto war uns zu vereist, und so kommen wir noch zu einem kleinen Spaziergang um den Hafen.

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Sonntag, 23. Dezember 2012

Es regnet, und spiegelglatt sind die Bürgersteige dort, wo sie gestern geräumt wurden. Zum Bäcker stapfe ich durch den am Straßenrand liegengebliebenen Schneematsch; auf ihm hat man mehr Halt.

Kein Wetter für Spaziergänge! Wir bauen die Krippe auf und wandern noch einmal in den Sky Markt. Am Nachmittag ist das Eis vom Auto abgetaut und die Straßen werden wieder befahrbar. Das passt, denn heute Abend wollen wir zum Abschlusskonzert der diesjährigen Weihnachtstournee von Godewind im Husumer NordseeCongressCentrum, wie es sich Neuhochdeutsch schreibt. Die Halle ist ausverkauft. Von der zweiten Reihe der Empore aus haben wir eine hervorragende Sicht, und schräg vor uns in der ersten sitzt Landrat Dieter Harrsen. Zeitungsleute sind natürlich auch im Saal.

Wiehnachtskonzert Godewind 1987“Sie haben wieder einmal den Nerv der Zeit getroffen”, wird morgen in den Husumer Nachrichten zu lesen sein – da haben wir wohl in einer anderen gelebt. Ihr Plattdeutsch scheinen die Mitglieder von Godewind fast vergessen zu haben. Statt dessen präsentieren sie platte, beliebige Weihnachtsschlager, wie sie einem vor den Feiertagen in den Geschäften um die Ohren klingen, und das Ganze dann – vielleicht, damit das nicht so auffällt – aufgemotzt mit einer aufwändigen Lichtershow. Warum man ein Lied über die Stille Tied mit Schlagzeug zudröhnen muss, bleibt ein Rätsel. Kein Vergleich mit dem tollen Live-Mitschnitt des Weihnachtskonzertes von 1987, das wir noch auf einer CD haben: Dat Wiehnachtskonzert, von der Begrüßung zur Verabschiedung op Platt. Mit der Wiehnachtsgeschicht auf ihr werden wir morgen Weihnachten einleiten.

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Montag, 24. Dezember 2012

Nun ist der Schnee endgültig weg. Hin und wieder regnet es, das wird wohl eine feuchte Weihnacht! Am Vormittag wandern wir erneut durch den Sky Markt – irgendetwas hat man immer vergessen, und was auch sonst soll man bei dem Wetter machen. Wieder daheim wird der Kartoffelsalat für den Abend zubereitet.

Den Weihnachtsgottesdienst hält wieder Pastor Römer. Eigentlich ist er längst im Ruhestand, doch als Gatte der amtierenden Pastorin muss er an Feiertagen weiterhin ran. Seine Predigt von vor zwei Jahren bleibt zwar weiterhin unübertroffen, doch steht ein Weihnachtslied der besonderen Art auf dem Programm, das, von Kreiskantor Christian Hoffmann mit schwingender Künstlermähne am Klavier begleitet, von der Gemeinde erst noch eingeübt werden muss:

Kommt Gott als Mensch in Dorf und Stadt,
hat er nicht viel zu lachen
Das Christenvolk ist lau und matt,
verstrickt in eigne Sachen.
Doch er zieht ein für jedermann,
denkt nicht nur an die Frommen.
Er will für alle kommen.

Drum sind die Kirchen viel zu klein,
wo die Choräle klingen:
Lässt Gott sich mit den Menschen ein,
kann auch die Straße singen.
Hosianna kommt vom Straßenrand
und von den Kirchenbänken, –
Doch er weiß, was wir denken.

Kommt Gott als Mensch in Dorf und Stadt,
hat er nicht viel zu lachen:
Wir setzen ihn am Kreuze matt,
um weiter Krieg zu machen.
Auch Schweigen wird uns zum Gericht
in Kirchen und auf Straßen.
Gott lässt nicht mit sich spaßen.

Drum sind die Kirchen viel zu klein,
wo die Choräle klingen:
Die ganze Welt muss Schauplatz sein,
wenn wir von Neuem singen.
Es fängt mit dem Erschrecken an,
dass wir so lieblos leben.
Der Richter hat vergeben.

Kommt Gott als Mensch in Dorf und Stadt,
kann der nun wieder lachen,
der nicht mehr weiter lau und matt
das eigene Spiel will machen.
Wer Gottes Anspiel weiterspielt,
wird dies auch sehen lassen
in Kirchen und auf Straßen.

Auch musikalisch klingt es ein wenig im Revoluzzer-Rhythmus. Wieder daheim gibt es die klassische Bockwurst (ökologisch) mit Kartoffelsalat aus ökologisch angebauten Kartoffeln. Dazu dann von einer CD Dat Wiehnachtskonzert von Godewind aus dem Jahr 1987, mit dem das gestrige in der Husumer Messehalle bei weitem nicht mithalten kann.

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Dienstag, 25. Dezember 2012

Regen bringt Segen – gesegnete Weihnacht! Am frühen Nachmittag lässt der Segen ein wenig nach, und wir machen einen Spaziergang über den Hafen und durchs Städtchen. Der alternative Puschen- und Holzspielzeugladen hat sein Domizil vor der Hafenstöpe in der Neustadt verlassen und verspricht am zweiten Januar neu zu eröffnen, in, wir haben es uns angeschaut, einem kleinen, etwas schäbig wirkenden Ladenlokal am Ende der Johann-Adolf-Straße, an dem zu Fuß nur wenige Urlauber vorbeikommen. Wohl kaum ein Segen für den Umsatz!

Doch jetzt bringt der Himmel neuen Segen, und wir ziehen uns ins Huus zurück, zu den letzten drei Folgen des Rätsels der Sandbank aus unserer DVD-Box und einer Flasche Rotwein: Öko von Aldi.

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Mittwoch, 26. Dezember 2012

Ein kräftige Brise bläst uns um die Ohren, als wir auf dem Parkplatz beim Imbiss südlich des Eidersperrwerks – aus historischer Nordfriesensicht also ‘in Feindesland’ – aus dem Auto steigen. Ob wir es schaffen, zu Fuß bis zum Koog-Café zu kommen? Gut fünf Kilometer dürften es sein.

Wir wandern vor dem Deich an der Wasserkante entlang. Unmittelbar hinter dem Sperrwerk ist er noch asphaltiert. Hier hat die Flut zehn Meter vom Ufer entfernt in gerader Linie Strauchwerk hinterlassen, hübsch gebündelt wie von Menschenhand zum Verkauf ausgelegt, nur dass es nicht weihnachtlich grün ist, sondern ausgeblichen silbrig-weiß. Doch das passt ja auch zum Fest. Dann wird der Asphaltdeich zum Gründeich. An der Ferienhaussiedlung Wesselburenerkoog wechseln wir auf die Binnenseite des Deiches. Am Rande der Anlage sind ein paar Häuser noch nicht fertiggestellt und machen, wo die äußere Holzverschalung fehlt, nicht gerade den Eindruck, als würde dahinter für die Ewigkeit gebaut. “Irische Pappkartonbauweise”, meint mien Deern.

Koog Cafe, Wesselburenerkoog, © 2012 Juergen Kullmann

Im Koog Cafe, © 2012 Hildegard Vogt-KullmannDas Koog Café ist (a) geöffnet und hat (b) noch Platz für uns, denn gerade als wir eintreten, verlassen ‘fünfzig Frühstücke’ auf zwei Beinen die frühere Dorfschmiede. So haben wir die freie Platzwahl, und mein Mädchen sucht sich die Sofaecke aus. Ich wähle den Klassiker (Eierlikörtorte mit Preiselbeeren und Sahne), und die Deern bestellt sich etwas mit Mokka, Sahne, Birnen und Baiser. Für mich etwas zu süß, stelle ich fest, als ich den Rest ihrer Torte wegschlemmen darf. Ich schreibe noch ein paar Zeilen ins Reisetagebuch, und dann geht es zum Auto zurück, auf den fünf Kilometern hinreichend Kalorien verbrauchend, um sich zwei Stunden später an Sauerbraten mit Knödeln und Rotkraut zu laben.

So gestärkt geht es nach Garding zum dritten Teil der Kulturweihnachten. Die St.-Christians-Kirche im Zentrum der Stadt steht auf der höchsten Erhebung Eiderstedts, und ihr Turm, bis heute der höchste Punkt der Halbinsel, diente lange als Seezeichen. Eine weihnachtliche Andacht mit Liedern und Geschichten op Platt ist angesagt, tausend Mal besser als neulich das Godewind-Konzert in Husum. Der Pfarrer ist ein patenter Kerl, der, so erfahren wir, die gespendete riesige Weihnachtstanne “zusammen mit drei anderen kräftigen Kerls” selbst herbeigeschafft und aufgestellt hatte. Am Baum brennen echte Wachskerzen, wie auch die gesamte Kerk ausschließlich durch Kerzen beleuchtet wird.

In Osterhever, erzählt er op Platt, steht auch am Eingang zu jeder Bankreihe eine Kerze. Dort rächte es sich vor einigen Jahren, dass ein eitles Gemeindemitglied das eherne Grundgesetz ‘Erst der Gottesdienst und dann die Bescherung’ missachtete und mit der weihnachtlich bescherten Pelzmütze in die Kirche kam. Den Kopf hin und her wedelnd, auf dass auch niemand das neue Ding übersehe, kam die eitle Deern der Kerze zu nahe, so dass die Mütz’ Feuer fing und qualmend in den Gang geschleudert wurde.

 
*  *  *  Fortsetzung folgt  *  *  *

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Unser Leben in ‘Uns Huus’: Oktober/November 2012
Letzte Bearbeitung 23.05.2019