Wi kriegt Besöök

Jahreswechsel 2013 / 2014

 

Sonnabend, 28. Dezember 2013

Heute Nachmittag kommt der Besuch, und wir haben kein Bier im Haus. Wir tauschen die leere Kiste Flens im Sky-Markt gegen eine volle ein. Ein Streifen Apfelkuchen von der Bäckertheke schaut uns im Vorbeigehen an und will auch noch mit. Wieder daheim ordnet mein Mädchen Aufräumen und Staubsaugen an.

Bis zur erwarteten Ankunft von Dorit und Gerd haben wir noch etwas Zeit, wandern über den Eiderdeich Richtung Olversum: ein scharfer Wind von vorn, der Himmel wolkig-bedeckt mit immer mal wieder einem Sonnenfleck. Eine Radfahrerin kommt uns entgegen und steigt ab. So schlimm sei der Wind doch gar nicht, meint sie, tritt wieder in die Pedale und radelt mit Rückenwind gen Tönning.

Die Eider bei Olversum, © 2013 Juergen Kullmann

Das Wasser hat sich bis zur Fahrrinne zurückgezogen. Was da im Gegenlicht glitzert, ist nicht solches, sondern feuchter Sand, in dem Spuren erkennbar sind: schwere tiefe und leichte zarte, in weitem Bogen aufeinander zulaufend, sich kreuzend und wieder voneinander entfernend. Zwei, die sich fanden und wieder trennten? Einige hundert Meter weiter zur Flussmitte hin (wenn der Fluss denn da wäre) glauben wir an einer Wasserlache einen Reiher auszumachen. Oder ist es ein Halligstorch, wie man den Austernfischer hier nennt? Mein Mädchen beschließt, dass es ein Reiher ist. Sie studierte mal Biologie, muss es also wissen.

Am Ende der gepflasterten Deichkrone beenden wir die Wanderung. Die Graskuppe vor uns ist arg feucht, und unsere Gäste kommen gleich.

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Sonntag, 29. Dezember 2013

Gebhard hat Brötchen geholt, dabei auch an die Zeitung gedacht. Der Frühstückstisch ist bereits gedeckt, als wir uns nach unten begeben – solchen Besuch hat man gerne! Beim Blick aus dem Fenster zeigt sich entgegen der Wettervorhersage ein blauer Himmel.

Gestern Nachmittag hatten wir zu viert einen Spaziergang durch Tönning gemacht, heute geht es mit unserem Besuch nach St. Peter-Ording, wo wir mit viel Glück einen kostenlosen Parkplatz am Bahnhof ergattern. Ein Fußweg führt durch einen Dünenwald in den Ort, in dem wir uns durch ein Menschengewimmel schieben. Wie ruhig war es hier doch Anfang November! An diesem späten Sonntagvormittag haben die Läden, von den christlichen Kirchen beklagt, ihre Eingangstüren geöffnet, doch uns zieht es über die Seebrücke auf die Sandbank hinaus, wo sich, einer frischen Brise sei’s gedankt, nicht gar so viel Volk tummelt. Die Arche Noah hat sich nach einem zweijährigen Zwischenspiel von der Sylter Sansibar losgesagt und selbigen Untertitel durch Haus am Meer ersetzt. Wir lassen sie links liegen und wandern, während linkerhand Kite-Surfer durch die Brandung ziehen, am Wasser entlang nach Ording.

Sandbank St. Peter-Ording, © 2013 Juergen Kullmann

Über den Pfahlhäusern von Ording zieht sich der Himmel zu. Ob die Wettervorhersage doch recht hatte und es heute noch Regen gibt? Dorit und Gerd hatten hier letztes Jahr Urlaub gemacht, führen uns abseits der Küste durch einen Wald ins Bad zurück und laden uns nach Garding in Kerlins Kupferpfanne ein: Rösti Provencale mit Lamm für uns und Rösti Hubertus mit Wildschweinmedaillons für sie. Als wir dem Kerlin nach zwei Stunden aus der Pfanne springen, regnet es in Strömen. Dabei bleibt es bis in die Nacht hinein.

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Montag, 30. Dezember 2013

Dorit und Gerd fahren nach Husum, und wir kaufen fürs Sylvester-Raclette ein. Gut zwanzig Euro geben wir für Fleisch und ein Pfund Raclette-Käse aus. Ein bisschen wenig Käse für vier, meint der Verkäufer, hinter seiner Theke, zweihundert Gramm pro Person sollten es schon sein. Wir bleiben dabei; er weiß ja nicht, was sonst noch auf den Tisch kommt.

Dann machen wir uns einen ruhigen Tag, kochen ein Süppchen, schauen über den Deich und warten darauf, dass unsere Gäste von ihrem Ausflug zurückkommen. Es dunkelt schon, als sie eintreffen. Von Husum aus waren sie zu einer Rundfahrt über die Halbinsel Eiderstedt aufgebrochen, die, wie schon gestern, in Kerlins Kupferpfanne geendet hatte. Sie wollten auch mal die Rösti Provencale probieren, von denen wir ihnen seit fünfzehn Jahren etwas vorschwärmen – und wie es scheint, haben sie ihnen geschmeckt.

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Dienstag, 31. Dezember 2013

Wir wandern zum Leuchtturm von Westerheversand, zu unserem Leuchtturm. Die Besteigung ist nach Anmeldung erst wieder ab Oktober möglich, doch der Himmel ist blau und der lange Pfad, der durch die Salzwiesen zu seiner Warft führt, trocken für alle, die zum letzten Mal in diesem Jahr zu seiner Kuppel emporschauen wollen.

Leuchtturm Westerheversand, © 2013 Juergen Kullmann

Eigentlich hatte das Leuchtfeuer auf dem Festland stehen sollen, doch da die Landeigentümer von Westerhever nicht verkaufen wollten, sah man sich gezwungen den Turm auf staatseigenem Grund in den Schlick zu setzen. Dazu wurden im Frühjahr 1906 127 Pfähle als Fundament fast acht Meter tief in den Boden gerammt und die sechs Meter hohe Warft aufgeschüttet. Seit Mai 1908 blinkt er in über vierzig Meter Höhe und leuchtet fast 40 Kilometer weit. Seit 1979 wird er vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt in Tönning gesteuert, doch bis heute führt der letzte Leuchtturmwärter Heinrich Geertsen, mittlerweile achtzig Jahre alt, interessierte Besucher die 157 schmalen Stufen in die Kuppel hoch, dem Vernehmen nach weniger schwer atmend als seine Gäste. Heute allerdings nicht, und so wandern wir im Strom der anderen Touristen nur bis zu seinem Fuß und bringen ein paar Fotos im Gegenlicht mit zurück.

Auf der Heimfahrt nach Tönning entdecken wir im Tümlauer Koog das Café éclair. “Idyllisches Landcafé hinterm Deich mit schöner Sommerterrasse und weitläufigem Obstgarten” heißt es auf der Website. Der Deich liegt zwar etwas weit weg (das mag in früheren Jahrhunderten anders gewesen sein), aber sonst stimmt alles unter dem alten Gebälk. Mit Hilfe eines Wörterbuchs versuche ich dem französisch klingenden Namen einen Sinn zu entlocken und komme auf so etwas wie ‘Café für einen kurzen Besuch’, doch vielleicht ist das zu weit hergeholt und die Besitzerin wollte nur ihren Vornamen Clare versteckt in ihn einbauen. Nach ihrem Akzent zu urteilen scheint sie eher eine Skandinavierin denn eine Französin zu sein. Ihre Lebkuchen-Eierlikörtorte ist mit dem dicken Schokoladenüberzug meinem Mädchen zu mächtig. Ich helfe ihr tapfer, sie zu bewältigen, derweil Dorit und Gerd keine Probleme damit zu haben scheinen.

Am Sylvesterabend gibt es Fondue, dann schauen die Rummelpotter vorbei, und um Mitternacht geht’s zu den Nachbarn auf die Straße.

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Mittwoch, 1. Januar 2014

Zu Bett gegangen gegen zwei Uhr in der Früh, stehen wir gegen neun Uhr wieder auf. Dorit und Gerd machen einen Spaziergang, derweil mien Deern sich schont, nachdem sie in der Nacht auf dem Heimweg ausgerutscht war und sich ein Fußgelenk und die linke Hand verstaucht hatte. Immerhin blieb das Sektglas in der anderen Hand heil. Am späten Nachmittag bereiten wir aus den Fondue-Resten von gestern Abend ein Gulasch. Das schmeckt mindestens genauso gut, wenn nicht gar noch besser.

Nachdem unsere Gäste gestern Nachmittag mit großartigen Sonnenuntergangsfotos von einem Spaziergang and der Eider zurückgekommen waren, versuchen wir es heute. An sich sieht der Himmel ganz erfolgversprechend aus, doch am Steg hinter dem Hotel Fernsicht angekommen, spielt das Gestirn nicht mehr mit. Es zieht den Vorhang zu und verschwindet im Dunst.

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Donnerstag, 2. Januar 2014

Am Vormittag reist unser Besuch ab und wir haben Urlaub, wenn man es denn so nennen will. Während sich die Bettwäsche in der Waschmaschine dreht, fahren wir ins Gewerbegebiet von St. Peter-Ording und decken uns im Kaufhaus Stolz mit Unterwäsche ein. Dann geht es nach Garding. Hier hatten wir vor zwei Jahren in einem faszinierenden Kramladen (Töpfe, Schüsseln, Werkzeuge, Schneeschieber, Bürsten, Wäscheklammern, Geschenkartikel, Porzellan …) in der Engen Straße acht Kaffeepötte für unseren Haushalt in Dortmund gekauft, von denen mittlerweile zwei ‘angemackt’ sind.

Ob es den Laden und die Tassen überhaupt noch gibt, wir haben sie in noch keinem anderen gesehen. Beides ist der Fall; die Kaffeepötte kosten € 5,95 das Stück, und wir kaufen vier.

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Freitag, 3. Januar 2014

Morning has broken like the first morning,
Blackbird has spoken like the first bird.
Praise for the singing, praise for the morning
Praise for them springing fresh from the world.

Eleanor Farjeon

He Leefster, der Himmel ist klar, und die Sonne geht gleich auf! Ich öffne müde die Augen. Mien Deern steht am Fenster und schaut hinaus.

— Ja und?

— Sonnenaufgangfotos!

— Jetzt?

— Wann denn sonst? Wenn wir bis zum Sommer warten, müssen wir dazu um fünf in der Früh aufstehen!

Gegen das Argument ist nicht anzukommen. Also raus aus dem Bett, rein in die Klamotten und über den Deich hinunter zum großen Strom. Mein Mädchen ist schneller und bildet mit ihrer kleinen Kompaktkamera die Vorhut. Als ich auf dem Deich erscheine, taucht die Sonne jenseits des Flusses hinter den Windrädern der einst freien Dithmarscher Bauernrepublik auf und die Eider in ein tief orangefarbenes Licht. Ich hole die Kamera aus dem Rucksack:

Sonnenaufgang über der Eider, © 2014 Juergen Kullmann

8.49 Uhr

Sonnenaufgang über der Eider, © 2014 Juergen Kullmann

8.56 Uhr

Nach dem Frühstück ändert sich das Wetter. Es wird trüb. Wir fahren nach Norden, vorbei an der grauen Stadt am grauen Meer. Hinter Husum ein Stopp bei Knutzen, ein Raumausstatter, von dem mien Deern schon viel gehört hat. Er ist nicht gerade ein Discounter, hat aber schöne Sachen! Für rund vierzig Euro erwerben wir Stoff für einen neuen Fenstervorhang im unteren Bad, dann geht es weiter nach Schobüll. Die Siedlung ist inzwischen ein Ortsteil von Husum, hat rund 1.600 Einwohner und liegt etwa vier Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Ein paar Zeilen aus einem Faltblatt, das uns, ich weiß nicht mehr wo, in die Hände fiel:

“… hier im Luftkurort Schobüll grenzt die Geest direkt an die Nordsee. Näher ran geht es nicht – kein Deich in Sicht. Weit reicht der Blick über die Bucht von Schobüll, und über die Schobüller Seebrücken kommt man direkt zum Wasser. Oder ins Watt – je nach Gezeiten.

Das ganz besondere an Schobüll und der umliegenden Landschaft ist die Verbindung von Meer und Watt, Salzwiese und Marsch, Wald und Heide, einzigartig und immer wieder aufs Neue erlebbar. Ein Bilderbuch für Naturfreunde und Künstler, die hier ihre Motive finden. Denn nirgendwo sonst gibt es so viel Wald in der Husumer Bucht. Das sagt auch schon der Name Schobüll. Übersetzt aus dem Dänischen bedeutet es ‘Walddorf’.

Über die Geschichte der Kirche, das sogenannten ‘Kirchlein am Meer’, ist nur wenig bekannt; es wird jedoch angenommen, dass sie im 13. Jahrhundert gegründet wurde. Sie steht am ‘Schobüller Berg’, mit 31 Meter über NN einem der höchsten Punkte an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste und diente lange als Seezeichen für nach Husum einfahrende Schiffe. ”

Die Tür zum Kirchlein steht offen, wir hören leise Orgelmusik. Ein kleines Konzert, oder übt der Organist nur? Wir lugen durch die Tür … eine Beerdigung. Dezent ziehen wir uns zurück und wandern zur Nordsee, die hier nicht durch einen Deich vom Land abgeschirmt ist. Nach Westen hin führt eine lange Seebrücke in die Unendlichkeit, in der es nichts weiter gibt als Licht und Meer. Tolle Sonnenuntergänge kann man von hier aus vermutlich beobachten, doch nicht um diese Tageszeit. Langsam schlendern wir zur Kirche zurück.

Der Leichenwagen, der uns erst beim Verlassen der Kirche aufgefallen war, ist verschwunden, und wir gehen in sie hinein. Eine Putzfrau erledigt im Vorraum ihr Werk und lädt uns ein, ins Kirchenschiffchen zu gehen.

Wir setzen uns auf eine der hinteren Bänke und haben den Eindruck einer kleinen Halligkirche, so groß vielleicht wie die von Langeneß. Weiß gestrichenes Mauerwerk, dunkle Deckenbalken und geschnitzte Figuren an der Nordwand. Die ursprünglich romanische Kirche, verrät ein Infoblatt, umfasste – auch von außen sieht man das ganz gut – nur den Altarraum, der im Innern mit dem im 15. Jahrhundert angebautem Kirchenschiff durch eine bogenförmige Öffnung über dem Mittelgang verbunden ist. Später wurde noch ein Turm angepappt, der, nachdem er 1780 in einem Sturm eingestürzt war, durch einen niedrigeren, weniger windempfindlichen ersetzt wurde.

Wir wandern vom etwa dreißig Meter hohen Schobüller Berg, auf dem die Kirche steht, durch den Ort. Die Immobilienpreise sind hier so hoch wie kaum an einen anderen Ort in Nordfriesland, doch so begehrenswert finden wir die hiesigen Häuser nicht. Wurden die näher am Wasser gelegenen noch nie überflutet? Und gibt es im Ort überhaupt Einkaufsmöglichkeiten? Einen kleinen Supermarkt finden wir – und den besten Gemüseladen ganz Nordfrieslands mit einem großen Bioangebot. Wir decken uns ein.

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Sonnabend, 4. Januar 2014

Nach dem saumäßigen Regen am gestrigen Nachmittag geht die Sonne wieder auf, doch es ist ein ganz anderes Licht als gestern in der Früh. Wir sind eher aufgestanden und stehen auf dem Deich, der Himmel blaugrau und ohne das geringste Rosaschimmern über Dithmarschen. Wir wandern bis zur ‘Nase’ – es tut sich einfach nichts! Gestern lag schon vor dem Erscheinen der Sonne ein mystisches Schimmern über Dithmarschen und dem großen Strom, der ihn von Nordfriesland trennt. Hinter dem graublauen Dunst, in den wir nun blicken, wird sie sich vor uns verborgen halten.

Wir schlendern zurück, sehen noch einmal über den Fluss, und da dringt ein zunächst schwaches Leuchten durch den Dunst. Dahinter wird sie wohl sein. Das Leuchten wird intensiver, und dann erscheint sie zwischen den Windrädern jenseits der Eider:

Sonnenaufgang über der Eider, © 2014 Hildegard Vogt-Kullmann

Nach dem Frühstück wandern wir ins Packhaus, in dem heute ein Flohmarkt angesagt ist. Ein echter Flohmarkt ganz ohne Neu-Ramsch! Zwei Euro zahlt man für den Eintritt, doch ist im Eintrittspreis eine Tasse Kaffee inbegriffen. Wir entdecken den Spiegel, den wir schon immer für den Treppenabsatz vor dem Appartement gesucht haben, ein schmales, hohes ehemaliges gusseisernes Fenster, in das er montiert ist! Mien Deern handelt ihn von 60 Euro auf 55 herunter

Nach dieser Ausgabe lassen wir uns am Abend von unseren Nachbarn verpflegen, die uns zum Dinner eingeladen haben. Morgen wollen müssen wir nach Dortmund zurück.

 
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Unser Leben in ‘Uns Huus’: Jahreswechsel 2013/14
Letzte Bearbeitung 16.06.2020