Eine Halligfahrt

Oktober / November 2012

 

Sonnabend, 27. Oktober 2012

DEileen Ógas Kind ist aus dem Haus, jetzt fängt der Urlaub an”, meint Eileen Óg und kriecht mit Jan Hinrich unter eine Decke. Ein lästerhaftes Schaf, unsere Reisebegleiterin, denn ‘das Kind’ ist immerhin schon siebzehn, hat einen Führerschein und kutschiert seine Eltern jetzt 650 Kilometer gen Süden nach Darmstadt.

Am Mittwochabend waren wir in Tönning eingetroffen, und die drei Menschen, denen unser Nis Puk seit einer Woche Unterschlupf gewährt hatte, hatten uns mit Krabben und Rührei willkommen geheißen. Vor fünf Jahren waren sie die ersten Gäste im Huus – da stand es noch fast leer, und sie mussten sich ihre Betten noch zusammenbauen. Seither ist manches Wasser die Eider hinunter geflossen.

Im letzten Monat hatten wir eine neue Heizung einbauen lassen. Vorgestern kam dann der Heizungsmonteur, um letzte Einstellungen vorzunehmen, gefolgt vom Schornsteinfeger, um sein OK zu geben. Das tat er am Ende auch, wenngleich er eine Inspektionsklappe im Abzugsrohr um ein paar Zentimeter verlegt haben wollte. Was bei dem Installateur heute Morgen ein Kopfschütteln hervorrief, doch ist man als Schornsteinfeger in der stärkeren Position. So waren wir hinreichend – vor allem mit Warten – beschäftigt, bis wir unseren Gästen noch ein bisschen was von Eiderstedt zeigten und sie am Abend in den Roten Hahn ausführten.

Und gestern? Da hatten Brigitte und mien Deern in Friedrichstadt Frau Pölkow in ihrem Modestübchen Moderat glücklich gemacht. Der Nachmittag war einem gemeinsamen Ausflug zu Andresens Schankwirtschaft in Katingsiel vorbehalten, denn ohne Opa Wilhelms Eiergrog zu testen, wollten die drei Nordfriesland nicht den Rücken kehren.

*  *  *

Nun sind sie abgereist, die Sonne scheint, und was tun wir? Das übliche, wenn wir ohne Gäste sind: wir machen einen Ausflug in die Husumer Baumärkte. Nach fünf Jahren ist ein neuer Bambusteppich fürs Wohnzimmer vonnöten und dazu ein neuer Toilettendeckel für das untere Bad.

Dieser Deckel sieht zwar edel aus, doch wie viele Ehekrisen er ob des Fehlens einer logischen Einbauanleitung wohl schon ausgelöst haben mag? Wir kamen gerade noch einmal davon, nachdem wir uns darauf geeinigt hatten, dass zwei beiliegende, im Einbau-Piktogramm nicht aufgeführte Teile keineswegs überflüssig sind und ihnen in einem Try-and-Error-Verfahren eine Funktion zuweisen konnten, die ihn am Ende in Position brachte.

So scheint nach fünfundzwanzig Ehejahren die Sonne am Nachmittag immer noch. Wir radeln durchs Katinger Watt und entdecken die Brücke, an der das historische Fahrrad meines Mädchens mit einem 35 Jahre alten Aufkleber Stoppt die Atomindustrie in einem Gästeverzeichnis der Halbinsel gegen die Atomkraft demonstriert, nachdem es ein Feriengast vor dem Geländer dieser Brücke fotografiert und damit den ersten Preis beim Fotowettbewerb der Tourismuszentrale gewonnen hatte.

Katinger Watt, © 2012 Juergen Kullmann

Nach einem Spaziergang am Abend in den Sonnenuntergang über der Eider sind wir hinreichend müde. Pasta in roter Sauce mit Sardellen und Parmesankäse sowie eine Flasche Rotwein tun das ihre hinzu.

Eiderpromenade Tönning, © 2012 Juergen Kullmann

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Sonntag, 28. Oktober 2012

Wir heiligen den Sonntag, indem wir den Garten putzen. Anschließend stehen zwei Säcke Grünzeug für den morgigen Abtransport bereit – und ich habe es im Kreuz. Es versteht sich von selbst, dass das nichts mit dem Alter zu tun hat! Bewegung soll helfen, also schwingen (den Begriff bitte nicht zu wörtlich nehmen) wir uns auf die Fahrräder und es geht entlang der Eider Richtung Sperrwerk, das Café Mare im Katinger Watt oder das Koog Café auf Dithmarscher Seite als Ziel in Aussicht genommen.

Hinter der großen Kurve kommt auf dem asphaltierten Deich das Eidersperrwerk in Sicht. Gegenwind. Starker Gegenwind und Zurückschalten in den ersten Gang. Da macht es Krrrrk, und ich habe den Schalthebel in der Hand. Nur noch der schwerste Gang funktioniert. Das mag ich mir nicht zumuten, und so kehren wir um. Am Abend gibt es Sauerfleisch vom Lamm (aus dem Glas) an Bratkartoffeln und Remoulade (hausgemacht).

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Montag, 29. Oktober 2012

Den ganzen Tag über Dauerregen – und wir wollen morgen für drei Tage auf eine Hallig! Da heißt es, mit ein paar Einkäufen vorzusorgen: Ein neues Paar Schuhe (gestern war mir bei einem die Sohle gebrochen) von Schuh Friedrich in Garding und ein warme lange Unterhose aus dem Kaufhaus Stolz in St. Peter.

Am Nachmittag bringe ich das Fahrrad zu Zweiradtechnik Krause in Tönning, geöffnet montags bis freitags von 14 bis 18 Uhr. Hmm, meint der Meister, der Schalthebel sei wohl auch nicht aus diesem Jahrtausend. Recht hat er, denn das Rad stammt aus dem Jahr 1988. Einen solchen Hebel gebe es schon lange nicht mehr, fährt er fort, doch er werde mal in seinem historischen Fundus suchen und ansonsten einen neuen Seilzug mit einem anderen Schaltgriff einbauen. Irgendetwas werde ihm schon einfallen. Ich übergebe ihm das Rad zu treuen Händen; wenn wir Ende der Woche aus Langeneß zurück sind, werde ich wieder vorbeischauen.

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Dienstag, 30. Oktober 2012

Kaum zu glauben, nach dem gestrigen Großen Regen ist der Himmel blau und die Sonne scheint. “Klar doch”, meint Eileen Óg, ihr Freund Boo! (ein freundliches, kleines Halloween-Gespenst, das sie einst in Irland kennengelernt hatte) habe gestern nach ihrem Konzept alles Wasser vom Himmel gespukt, damit wir auf Langeneß schönes Wetter haben.

Hauke-Haien-Koog, © 2012 Juergen KullmannUnd so fahren wir durch ein sonniges Nordfriesland nach Schlüttsiel; es ist schon Jahre her, dass wir über Husum hinausgekommen sind. Etwas eintönig ist die Fahrt durch die Reußenköge – besonders für Radfahrer, meint mien Deern, sich an mehr als dreißig Jahre zurückliegende alte Zeiten erinnernd. Dann kommt der Hauke-Haien-Koog, benannt nach dem tragischen Helden aus Storms letzter Novelle Der Schimmelreiter. Indianersommer an der Nordsee, ein Stopp am Straßenrand zum Fotografieren. Links der Nordseedeich mit auf der Dammkrone weidenden Schafen, rechts das Marschenland mit flachen Seen – und sieh mal einer an, Eileen Óg, nicht alle Schafe sind so wasserscheu wie du! “Das sind keine Schafe”, protestiert unser Schaf etwas pikiert, “das sind nordfriesische Marschen-Wollseehunde. Noch nie davon gehört?”

Fünf Euro kostet das Parken für vier Tage am Schlüttsieler Fährhaus. Morgen, am 1. November, ist Langeneß vom Rest der Welt abgeschnitten. Tagesausflügler gibt es zu dieser Jahreszeit keine, und die nächste Fähre verkehrt erst wieder am Donnerstag. Ein bärtiger Alleinreisender, heute in aller Herrgottsfrühe im tiefsten Sauerland losgefahren, wartet gleichfalls auf die Fähre. “Fünf Tage Hooge”, erzählt er, “ein paar Tage völlig ausspannen und nichts tun.” Seine Kinder seien in Dortmund zur Waldorfschule gegangen und hätten vor Jahren eine Klassenfahrt nach Hooge gemacht. Jetzt brauche er dringend eine Auszeit, und nach dem, was sie vom Leben auf der Hallig berichtet hätten, sei sie genau der richtige Ort für ihn.

Die Fähre legt an, ein Traktor zieht Wagen mit Sperrmüll und Altglascontainer von Bord. Dann lässt man uns aufs Schiff. Wir verziehen uns auf die Hochplattform über den Fahrzeugen, die nun auf die Fähre rollen. Sollte das Schiff untergehen, ragen wir noch aus dem Wasser empor.

Unangekündigt laufen wir nach einer Stunde die Hallig Gröde an, ein Stopp, der zu keiner Jahreszeit auf irgendeinem Fahrplan steht. Mit neun Einwohnern ist sie die kleinste selbständige Gemeinde Deutschlands. Mitten auf dem winzigen Eiland steht eine Warft mit drei Gebäuden, vom Anleger vielleicht fünfhundert Meter entfernt. Der Weg zu ihr ist der einzige Fahrweg, und doch laden sie ein Auto aus! Aus der Inspektion zurück? Weiter geht es.

Hallig Hooge, © 2012 Juergen Kullmann

Wie brennend Silber funkelte das Meer,
Die Inseln schwammen auf dem hohen Spiegel,
Die Möwen schossen blendend hin und her,
Eintauchend in die Flut die weißen Flügel.

Wie in diesem Gedicht von Theodor Storm taucht jetzt Hooge aus dem Meer auf, wo uns der bärtige Aussteiger verlässt. Dann legt die Fähre wieder ab. Gegen halb drei gehen wir in Langeneß von Bord und stiefeln vom Anleger an der Rickswarf – auf allen anderen Halligen sagt man Warft, nur die Langeneßer lassen das ‘t’ am Ende weg – zum Gasthof Hilligenley hoch. Zimmerübernahme. So ganz glücklich wirkt mien Deern nicht: die Heizung ist noch nicht an, und es gibt keine tea and coffee making facilities.

Hallig Langeneß, © 2012 Juergen KullmannDer Himmel ist grau geworden. Trotz des heftigen Winds lassen wir uns vom Hausmeister die im ‘Schnupper-Angebot’ inbegriffenen Leihfahrräder geben und brechen zu einer ersten Erkundung des westlichen Teils der Hallig auf, der einst die eigenständige Hallig Nordmarsch bildete. Stille und Einsamkeit. Über einen der vielen Gräben hinweg, die man hier Schlote nennt, zeigt sich in der Ferne die Warf Treuberg. Sie besteht nur aus einem einzigen Hof, ein langgestrecktes, reetgedecktes Gebäude, das unter dem diesig-grauen Himmel mit einem hellen Sonnenfleck einen melancholisch verlassenen Eindruck macht. Und in der Tat ist der Hof seit längerer Zeit nicht mehr bewohnt. Eine große Halligsanierung hat er unverändert überlebt und auch die letzte Warferhöhung nicht mitgemacht.

Es sieht so aus, als würde es gleich zu regnen beginnen, und so radeln wir zu unserem Gasthaus am Ende des Universums zurück. Von der Eingangtür aus noch ein Blick auf den Anleger an der Rixwarf, rechts von ihm versinkt unter grauem Gewölk die Sonne im Meer.

Langeneß Rixwarf, © 2012 Juergen Kullmann

Doch nun rein in die gute Stube. Ein Cappuccino wärmt von innen, und das Stück hausgemachter Apfel-Käsekuchen vertreibt den aufkommenden Hunger, denn abgesehen von einem Lachsbrötchen auf der Fähre haben wir seit dem Frühstück nichts gegessen. Nach dem Kaffee geht es noch einmal raus, während Langeneß in die Dunkelheit gleitet.

Langeneß Rixwarf, © 2012 Juergen Kullmann

Zum Dinner gibt es – Eileen Óg hört gerade zu – Wolfsfilet.

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*  *  *  Fortsetzung folgt  *  *  *


Unser Leben in ‘Uns Huus’: Oktober/November 2012
Letzte Bearbeitung 12.12.2018