Zwischen gestern und heute

Einst im Juli

 
4. Juli 1888 – Tod eines Dichters

Verlassen trauert nun der Garten,
Der uns so oft vereinigt hat;
Da weht der Wind zu euren Füßen
Vielleicht sein letztes grünes Blatt.

Am Nachmittag gegen halb vier stirbt in seinem Haus in Hademarschen im Alter von 70 Jahren Theodor Storm. Drei Tage später wird er in seine Geburtsstadt Husum überführt und gemäß seinem Wunsch ohne kirchliche Zeremonie auf dem St.-Jürgen-Friedhof in der Familiengruft mütterlicherseits beigesetzt. Seine Büste steht heute im Schlosspark.

Theodor Storm, © 2014 Juergen KullmannErst im Februar hatte er sein bekanntestes und in viele Sprachen übersetzes Werk Der Schimmelreiter abgeschlossen, oft auch Nationalepos Nordfrieslands genannt. Doch obwohl sich Storm über Jahrzehnte mit dem Stoff beschäftigt hatte, wäre die bekannteste seiner Novellen beinahe nicht vollendet worden, denn nachdem man bei ihm Magenkrebs festgestellt hatte, hatte er die Arbeit an ihr eingestellt und lebte nur noch lethargisch vor sich hin. Daraufhin entschloss sich die Familie zu einem frommen Betrug: man inszenierte eine Ärztekonsilum, das eine neue Untersuchung vornahm und ihm vorgaukelte, die Krebserkrankung sei ein Irrtum gewesen. Worauf er die Arbeit an der Novelle wieder aufnahm. Die Erstveröffentlichung erschien im April in der Zeitschrift Deutsche Rundschau, die erste Buchausgabe im Herbst nach seinem Tod.

top

7. Juli 1833 – Einweihung der St. Marienkirche in Husum

Auch wenn man sie sich heute aus dem Stadtbild nicht wegdenken kann, Theodor Storm mochte die 1833 fertiggestellte Nachfolgerin der 1807 wegen Baufälligkeit abgerissenen, mächtigen mittelalterlichen Ziegelkirche aus dem Jahr 1436 überhaupt nicht. Die Kosten für deren Sanierung waren der knauserigen Husumer Kaufmannschaft zu hoch gewesen, das wertvolle Inventar wurde verschleudert, und ein Vierteljahrhundert lang lebte man ohne Stadtkirche, bis 1829 ein Neubau in Auftrag gegeben wurde.

Nicht nur Storm, auch den meisten Husumern gefiel das neue Gotteshaus zunächst gar nicht. “Ein gelbes, hässliches Kaninchenhaus mit zwei Reihen viereckiger Fenster und einem Turm wie eine Pfefferbüchse”, nannte Storm die neue Kirche, und der Volksmund spottete über die ‘vernünftigen’ Husumer:

De Tönninger Torn is hoch un spitz,
de Husumer Herrn hemm de Verstand in de Mütz.

Marienkirche Husum, © 2014 Juergen KullmannHell und licht stellt sich der 1833 eingeweihte, vom bekannten dänischen Architekten Christian Friedrich Hansen im neuklassizistischen Stil entworfene Neubau da, dessen Turm an ein Leuchtfeuer erinnert. Im Innern zeigt sich ein “ein ausgewogener, etwas kühler Saal, der auf den Kanzelaltar ausgerichtet ist, jene für Predigtkirchen der aufklärerischen Zeit typischen Erscheinung, die zwischen Himmel und Altar noch das erläuternde Wort des Pastors stellte”, wie der im Jahr 2000 verstorbene ehemaliger Direktor des Dithmarscher Landesmuseums Nis R. Nissen schrieb. In den Jahren 2012 bis 2013 wurde der Innenraum renoviert und erstrahlt seither im neuen Glanz.

top

10. Juli 1887 – Die gebildeten jungen Mädchen von Tönning

“Tönning ist ein hübsches, altes Städtchen mit 4000 Einwohnern, von denen sehr viel mehr dänischer Abstammung sind, als ich das so weit im Süden des Landes Schleswig erwartet hatte. Die meisten Häuser dort müssen vor etwa 200 Jahren erbaut worden sein und haben viele Gärten mit prächtigen Rosen, die gerade in voller Blüte standen. […] Am Nachmittag gingen Wright und ich in einen Schlachterladen, zu einem Bäcker und einem Kaufmann, um unsere Vorräte wieder aufzufüllen. Fast überall wurden wir von jungen Mädchen bedient, die in London gewesen waren und dort Englisch gelernt hatten. Anscheinend ist es in Tönning Brauch, die Mädchen zur Abrundung ihrer Erziehung in unser Land zu schicken.”

… schrieb in sein Logbuch der englische Reisende Edward Frederick Knight (1852–1925), der im Jahr 1887 mit einem Freund auf seiner kleinen Yacht Falcon von London aus über die Nordsee, die Eider und den Schleswig-Holsteinischen Kanal in die Ostsee segelte, nachdem er am 10. Juli in Tönning an Land gegangen war.

Quelle: E.F. Knight, Falcon – Eine Segelreise im Jahre 1887. Tidenhub Verlag Norderney, 3. Aufl. 2011

top

21. Juli 2006 – Ein höllisches Plätzchen auf nordfriesischem Boden

Eine Erinnerung an den Baumeister des Roten Haubargs wird feierlich enthüllt, und dieser Baumeister war, wie jeder im Lande weiß, der Teufel höchstpersönlich. Das kam so:

Erbauer des Roten Haubargs, © 2007 Juergen KullmannEin armer Jüngling aus dem Adolfskoog hatte sich (sic fabula docet) in die schöne Tochter eines reichen Bauern verliebt, der von ihm verlangte, in einer Nacht ein standesgemäßes Haus für sie zu bauen. Der junge Mann gab den Auftrag an den Teufel weiter und offerierte seine Seele, davon ausgehend, dass selbst der Teufel das Haus nicht fertig bekäme und dem Schwiegervater in spe der Rohbau wohl reiche. Doch der Teufel legte ein Tempo vor, von dem heutige Bauherren nur träumen können. Die Mauern schossen hoch wie Pilze, das Dach ward eingedeckt, und als die Nacht dem Morgen zu weichen begann, fehlten nur noch die Fenster. Der Teufel war bereits dabei sie einzusetzen, da rannte der Jüngling zum nächsten Bauern, schnappte sich seinen Hahn und zwickte das Tier. Der Hahn begann zu krähen. Der junge Mann ließ ihn frei und schlenderte zum Teufel hinüber. “Tja”, sagte er, “dat mit de Seel ward ja nu wohl nix, dat letzte Fenster is ja noch nich drin.” Nach längerer Diskussion gab sich der Teufel geschlagen, und der Habenichts bekam seine Angebetete. Die Scheibe im letzten Fenster des Roten Haubargs aber fehlt bis heute, und so oft man auch versucht sie einzusetzen, zerbricht sie in der darauf folgenden Nacht.

“Der Teufel gehört zum Roten Haubarg wie der Rote Haubarg zur Kultur Nordfrieslands”, so die Vorsitzende der Asmussen-Woldsen-Stiftung Birgitt Encke anlässlich der Enthüllung der Teufels-Skulptur vor dem historischen Gebäude. Dann bedankt sie sich bei allen Beteiligten für das “höllisch schöne Plätzchen auf nordfriesischem Boden.”

top

22. Juli 1909 – Der Todestag des Dichters Detlev von Liliencron

Heut bin ich über Rungholt gefahren,
Die Stadt ging unter vor sechshundert Jahren.
Noch schlagen die Wellen da wild und empört,
Wie damals, als sie die Marschen zerstört.
Die Maschine des Dampfers schütterte, stöhnte,
Aus den Wassern rief es unheimlich und höhnte:
— Trutz, Blanke Hans.

Im Alter von 65 Jahren stirbt in Alt-Rahlstedt der Lyriker, Prosa- und Bühnenautor Friedrich Adolf Axel Freiherr von Liliencron, besser bekannt als Detlev von Liliencron.

1844 in Kiel als Sohn eines aus einer verarmten adeligen Familie stammenden dänischen Zollbeamten geboren, scheiterte er am Gymnasium, wurde nach dem Abschluss der Realschule Kavallerieoffizier in der preußischen Armee und nahm an den Kriegen von 1866 und 1870/71 teil, in denen er seine jugendliche Kriegsbegeisterung einbüßte. Als er das Militär wegen Spielschulden verlassen musste, wanderte er für zwei Jahre nach Amerika aus und wurde nach seiner Rückkehr preußischer Verwaltungsbeamter, zunächst als Hardesvogt auf der nordfriesischen Insel Pellworm, wo 1882/83 sein berühmtestes Gedicht, die Ballade Trutz, Blanke Hans, entstand.

Noch im gleichen Jahr wurde er Kirchspielvogt in Kellinghusen, quittierte 1885 die Beamtenlaufbahn und schlug sich, verfolgt von Schulden, als freier Schriftsteller durch. Erst ihm ein 1902 von Kaiser Wilhelm II gewährtes jährliches Ehrengehalt minderte die Geldnot. Wenige Wochen vor seinem Tod wurde ihm anlässlich seines 65. Geburtstages die Ehrendoktorwürde der Universität Kiel verliehen.

top down


Einst im Juli – Nachrichten von der Westküste, letzte Ergänzung: 18.07.14